Der Breite und der Schmale Weg

September 07, 2017

Kaum kann ich die Stunden meiner frühen Kindheit zählen, an denen ich über diesem frommen Wimmelbild gesessen bin, meine Beine baumelnd auf dem zu hohen Stuhl am Tisch meiner Großeltern, oder auf dem Schoß meines Großvaters sitzend, der mir mit Engelsgeduld immer wieder dieselben Fragen beantwortete, oder wie ich mit offenem Mund die Wand hinauf starrte im Eingangsflur meiner Tante Lina in Schnait denn dort hing es auch, dieses Bild, als riesiger gerahmter Kunstdruck.


Fraglos war die linke Seite die interessantere, der breite Weg, den ich mit grausiger Neugier wieder und wieder studierte. All diese Leute, die später unweigerlich in der Hölle landen sollten, das war schaurig-schön, nie erlahmte meine Faszination dafür.


Langweilig dagegen die rechte Seite, der schmale Weg.
Denn da war man ja sowieso.
Auf Großvaters Schoß, in seiner Nähe, da konnte einem nichts passieren. Hier war man auf der sicheren Seite.
Herrlich war es, aus dieser Sicherheit heraus die Sünden der anderen zu betrachten, ob Spielhölle, Maskenball, Geldpfänderei, Theater oder Lottospielen, Sünden von denen ich nicht das geringste verstand.

Aber mit eigenen Augen das flammende Inferno der Hölle bestaunen zu können, dort, worauf diese Menschen unweigerlich zusteuerten, das zu sehen war mehr, als was man als Kind zu hoffen gewagt hätte.


Getragen hat mich dieses Bild freilich nicht.
Getragen hat mich die Güte meines Großvaters. Auf Großvaters Schoß war Friede, da war Geborgenheit. Auf Großvaters Schoß war Sicherheit, niemals die Frage, ob man richtig war oder falsch, ob man auch an Jesus glaubte oder nicht, ob man wohl in den Himmel käme, oder nicht, ob man hässliche Sommersprossen hatte, oder ob man hübsch war. Auf Großvaters Schoß existierten solche Fragen nicht. Hier war man Mensch, hier durfte man sein. Einfach weil man war.

Dieses Bild, Kernstück pietistischer Weltliteratur, war gruselige Unterhaltung  für mich, vergleichbar vielleicht mit amerikanischen Krimiserien im Fernsehen, denen die Kinder heute ausgesetzt sind. Es war die  Güte meines Großvaters die Schaden von mir abgewendet hat.


Großvaters Güte war die Grundnahrung meiner ersten Jahre,
sättigend, selbstverständlich, einfach anwesend. Auch heilend. Großvaters liebender Blick aus seinen glitzernden Augen war ein Geschenk für mein Leben.

Ein weiteres Geschenk für mein Leben, war sein Sterben. Das erzähle ich in diesen Eintrag.

Dass der Silberburgverlag für das Cover meines Buches "Vielleicht im Himmel einmal" ausgerechnet das Bild vom Breiten und den Schmalen Weg ausgegraben hat, lässt mich innerlich immer wieder neu schmunzeln.

Auch im Buch wird von einem Großvater die Rede sein. Das war aber ein anderer.

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