Das Sterben meines Großvaters

September 10, 2017

Schon als Achtjährige wusste ich, ohne es zu wissen, dass dies ein Geschenk für mein Leben sein wird. Wir hatten Kinderglück und wurden nicht ausgeschlossen aus den natürlichen Vorgängen des Lebens. Den Tod hatte man uns nicht vorenthalten. Und so durfte ich mit großen Augen staunen, wie das Leben geht, wenn es zu Ende geht.

 

Herrlich krumme Finger hatte mein Großvater und einen gebeugten Gang, aber leuchtende, liebende, gütige Augen. Davon habe ich hier bereits geschrieben. Dass er seine krummen Finger "vom Schaffen" hatte, das wussten wir bereits. Woher sein gebeugter Rücken kam, das hatten wir damals nicht gefragt. Großväter haben nun mal krumme Finger und krumme Rücken.

 

Immer waren es die gemeinsamen Mahlzeiten, an denen sich das Familienleben zusammenballte und sortierte, sich veranschaulichte und präzisierte, sich zuspitzte und wieder einebnete.

"Der Doktor hat gesagt, du wirst entweder dement oder du stirbst in den nächsten zwei Wochen.", sagte meine Mutter beim Ausgeben des Sauerkrauts.
"Was ist dement, Mama?"
"Papa, warum stirbt der Opa?"
Nachdem man uns das neue Wort dement erklärt hatte, und sich Opa noch ein Stück gerauchten Bauchs von seinem Sauerkrautteller abgeschnitten hatte – seinen letzten Bissen sozusagen –, legte er die Gabel auf den Tisch und sagte:
"Dann gehe ich."
Große Kinderaugen. Stille, seltene Stille am Tisch.

 

Er war noch rüstig, keineswegs krank oder gar bettlägerig.
Wie kam der Arzt zu so einer Beurteilung? Vielleicht hatte er als altgedienter Hausarzt einen Blick für Menschen, die gehen wollten, vielleicht hatte er deshalb auch mit meiner Mutter gesprochen und nicht mit dem Großvater selbst.

Man hatte ihn schluchzen hören in seinem Zimmer nach dem Tod der Großmutter. Tagsüber war er wie immer: ausgeglichen, liebevoll.

Vielleicht hatte sich in dieses nächtliche Schluchzen auch noch eine andere Trauer geschlichen, diejenige, die seinen Rücken gebeugt hatte, diese ungesagte, unsagbare, nur unterdrückt gelebte, niemals überwundene Trauer um seine beiden Söhne. Gestorben im hoffnungsvollen Alter von 18 und 16 Jahren. Erschossen im russischen Kriegswinter der eine, schwerverletzt liegen gelassen der Kleine, der 16jährige, ganz in der Nähe von Zuhause. Kurz nach dem Krieg hatte ein ehemaliger Kamerad das durchschossene Neue Testament gebracht, das der Ältere in seiner Brusttasche getragen hatte. Unleserlich durch das eingetrocknete Blut.

Mein Großvater war noch keine siebzig als er starb, aber er war ein sehr alter Mann.

 

Nach der denkwürdigen Diagnose bei Sauerkraut und Schweinebauch stieg er hinauf in sein Zimmer, welches er nie wieder lebend verlassen hat. Gegessen hat er nicht mehr. Nur ab und zu bat er mich, ihm vom Dinkelbrünnele Quellwasser zu bringen. Was habe ich mich geehrt gefühlt! Mit welcher Ehrfurcht habe ich ihm die Wasserflasche überreicht!

Genau zwei Wochen später war er tot.

So hat sich dieser tief gläubige Mensch seinem Gott übergeben. Welch eine Demut nach einem Leben voll härtester Arbeit, voll Schmerz und Liebe, beschenkt mit fünf Kindern und einer starken Ehefrau, ein Leben voll echter Frömmigkeit, gewiss auch voll Zweifel und schwarzer Verzweiflung. Jetzt durfte er ausatmen.

Bild: Albert Anker

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Monika Kochs

So viel HerzGefühl kommt zwischen den Zeilen auf. Anrührend.

simone

berührt einen teil tief drin in mir - hmmmm

Brigitte

Liebe Lea, freu mich schon darauf, mehr von dir zu lesen. Wie fein du schreibst...

Erhard

ich bin sehr berührt. Toll geschrieben! Danke!

Ria

liebe Lea, man spürt deine Liebe zu deinem Großvater, deine Achtung vor dem Tod und dein großes Herz in den kleinen aber feinen Details. Was für eine Sprachkraft du hast, wunderbar

elisabeth

ich bin begeistert..... sehr schön geschrieben, danke für s teilen

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