Die Totenwäscherinnen

October 07, 2017

Immer hatte ich mich gefragt, warum ein Leichnam gewaschen wird, bevor man ihn beerdigt.
Vage hatte ich das Gefühl, es seien da Ausscheidungen im Spiel, aber tiefer darüber nachdenken mochte ich nie. Nun durfte ich es selbst erleben.

Eine der ganz wenigen Bestatterinnen in Süddeutschland, die es möglich machen, dass Angehörige selbst unter Anleitung ihre Verstorbenen herrichten können, ist Frau Märtin in Leonberg.

Dann wollte ich doch wieder absagen als es soweit war, meinen verstorbenen Mann zu waschen und einzukleiden. Was hatte ich mir da bloß eingebrockt.

 

Ich hatte Angst. Angst vor dem skelettartig abgemagerten Leichnam, Angst vor einem Überfall der Trauer, Angst vor dem kalten steifen Leib, Angst davor, dass ich mich ekeln würde. Doch es gab kein Entrinnen, meine Kusine Christa stand da mit dem Autoschlüssel in der Hand.

Der erste Blick auf die Liege mit dem typischen weißen Laken bis über dem Kopf, ließ mich in einen erneuten Heulkrampf ausbrechen. Frau Märtin lüpfte das Leintuch, Gerhards elend lange Pinocchio-Nase war durch das Tuch auf die Seite geknickt, sonst hätte man denken können, er schliefe. In den zwei Tagen Krankenhaus hatte er 25 Kg Wasser eingelagert, weil die Nieren kaum noch gearbeitet hatten. Bei ihm sah das fast gut aus. Beherzt richtete Frau Märtin seine Nase auf. Irgendwann überwand ich mich, seinen eiskalten Körper anzufassen.

 

Ich bekam ein weiches Papiertuch, getränkt mit warmem Wasser und fein riechendem Schaumbad. Wir taten nichts anderes, als ihn behutsam damit abzuwaschen. Wie bei einer Massage war dies eine rituelle Waschung, kein Reinigen. Ich durfte selbst das Gesicht waschen und eine überraschende Zärtlichkeit durchflutete mich. Er sah schön aus. Friedlich. Abschied nehmen von diesem vertrauten Körper. Noch einmal alles genau anschauen. Dieses markante Gesicht, diese eleganten Hände. So arbeiteten wir uns parallel an beiden Seiten den Körper entlang.

Frau Märtin sprach dazu sanft und bestimmt, wie wunderbar und wichtig diese Arbeit sei, und dass der Verstorbene auf eine Art mitbekäme, was mit ihm geschieht, dass man behutsam mit ihm umzugehen hätte, und dass die Seele noch immer nicht gänzlich den Körper verlassen hätte, sondern da sei, bei uns.

 

In mir wurde es von Minute zu Minute ruhiger. Nach und nach erfüllte mich tiefer Friede, fast ein Glücksgefühl.

Danach wurde er eingeölt. Gesalbt, könnte man im religiösen Sinn sagen und so habe ich es auch empfunden. Mit großem Respekt, aber auch einem gewissen Frohmut,  wurde ich immer beherzter. Massagegriffe, die mir vor Jahren in Fleisch und Blut übergangen sind, waren wieder da. Die Arme, die Hände, die einzelnen Finger konnte ich mit sattem, sicheren Griff einölen.

Jetzt die Kleider. Ich hatte das beige Hemd und die rostfarbene Sommerhose mitgebracht, die er so gerne getragen hatte. Dazu die dunkle Strickweste. Seine unvermeidliche Schirmmütze hatten wir zum Bedauern der Bestatterin zuhause gelassen.

Dann kam ein Mitarbeiter und Gerhards Leichnam wurde in den Sarg gebettet.

 

Oh Schreck! Er war zu lang. Mit welcher Zartheit und Bewusstheit es die Bestatterin und ihr Mitarbeiter geschafft haben, ihn trotzdem gut zu betten, ohne dass der obere Sargdeckel seinen Kopf drückte, wird mir unvergesslich bleiben.

Dann durfte ich in einem eigens dafür schön eingerichteten Raum noch allein bei ihm sitzen und mich endgültig verabschieden. Ich legte ihm noch einen Liebesbrief aufs Herz unter sein gutes Hemd.

In mir war nur noch Frieden und Ruhe. Keine Tränen. Liebe.

 

Jetzt habe ich es kapiert: das Waschen des Leichnams ist ein uraltes Ritual in allen Kulturen und es dient zutiefst den Angehörigen, sich in Liebe zu verabschieden. Auch den Toten dient es. Alles war ganz unspektakulär. Doch bin ich sicher, nein ich weiß es, Gerhard war anwesend. Er selbst konnte noch ein Stück weiter in Frieden seinen Körper verlassen.

Und für mich war es Heilung. Ein kostbarer Beginn des Trauerprozesses, den ich nun viel bewusster annehmen kann und auskosten will.


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Moraya Kraft

Herzlichen Dank fürs Teilhaben lassen an Deiner Erfahrung liebe Lea.
Tief im Herzen berührt.

Anita Märtin

Liebe Frau Söhner, wie getröstet Sie sich fühlen, lässt Ihr
Bericht nachempfinden. Wie gut, dass Sie den Mut hatten!
Eine Erfahrung von unschätzbarem Wert für Ihr weiteres
Leben. Seien Sie gegrüßt!

Hanna Krohn

Wie schön, ich danke dir!

Klaus Bickel

Vielen Dank - sehr ergreifend - im tiefwahrsten Sinne des Wortes! Ich habe es auf Facebook geteilt (Cooker Elb)

Claudia Elizabeth Huber

Danke für das Teilen dieses nahen Erlebnisses. Ich wusste nicht, dass es in meiner Umgebung möglich ist.

Margret Lippik-Winkler

Danke. Mehr kann ich nicht schreiben. Danke.

carmen schwarzer

ich war über 22 jahre Krankenschwester und habe das oft erlebt .. bei meiner eigenen mutter konnte ich es nicht .. danke fürs teilen da lag ganz viel drin für mich und alles gute uns allen

Luise Kramer

Danke vielmals! Wenn man sich so nah steht. Sehr ergreifend. Sehr berührend. Sehr schön.

Nathalie Polke

Die Welt, die Verstorbenen und die Lebenden können
Die Welt, die Verstorbenen und die Lebenden können sich Frauen wie dich nur wünschen! Danke für`s Teilen!

Claudia Kupferschmid

Welch wunderbare Erfahrung. Danke herzlichst für dein Schreiben.

Claudia Gruber

Herzlichen Dank für das teilen dieser sehr bewegenden Erfahrung ...sehr ergreifend und schön...danke fürs teilhaben lassen und alles gute ❤️

Andrea Fiur

Danke

Ingrid K.

"Mögen diese tiefe Erfahrungen für Dich zu einer Brücke werden - zu einer Brücken zwischen Dir hier und Gerhard dort in der Welt hinter der Welt."

Ingrid K.

"Mögen diese tiefe Erfahrungen für Dich zu einer Brücke werden - zu einer Brücken zwischen Dir hier und Gerhard dort in der Welt hinter der Welt."

Evelyn Balschun

Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Worte. Es gibt mir Mut diese Erfahrung zu machen wenn es ansteht. Ich wußte nicht das es möglich ist! Ihnen alles Liebe und Gute !

Barbara

ein schlichtes großes Danke

hell_MUT

"ES" hat mich sehr berührt, lieben Dank für das Teilen.

Ursula

Sehr sehr schön
und einfühlsam
geschrieben.

Susanne

Genau diese Zeremonie wird in dem wunderschönen Film „Nokan – die Kunst des Ausklangs“ beschrieben.

Irene Bender

Ich habe meinem Mann zum Abschied auf den
Mund geküßt und ihm Mut gemacht , loszulassen
Habe ihn gestreichelt. Es kam so unerwartet.
Der Schock saß so tief. Hätte ich besser nachgedacht
wäre ich so gerne dabei gewesen und hätte ihn
gewaschen. Dieses Ritual sollte man wieder ein-
führen. Danke für diesen Bericht.

Brigitte

Ihr Bericht hat mich zu tiefst berührt. Vielen Dank dass Sie uns teilhaben lassen an Ihren Erfahrungen.

Johanna

Wunderbar! So gut das Sie das erleben durften. So kann man das unfassbare begreifen und sich gleichzeitig in Liebe verabschieden. Vielen Dank fürs Teilen!

Andrea Dannheim

Dieser Bericht hat mich zutiefst berührt.. soviel zärtlich Liebe war zu spüren.. ganz liebenDank für das Teilen

Mihm

Bei meiner Mutti hielt ich die Totenwache.Ich werde dieses Gefühl nie vergessen, es war voller Liebe ,Verbundenheit und Frieden.

Angelika Doleysch

Mich hat ihr Bericht auch sehr bewegt. Es ist gut, dass die "alten" Rituale wieder mehr ins Bewusstsein kommt. Danke

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