Glauben Sie noch an Gott?

February 11, 2018

Darauf war ich nicht vorbereitet. Ob ich an Gott glaube, wurde ich bei einer Lesung gefragt. Das hat gesessen und nachhaltig in mir gearbeitet. Glauben. Manche offenen Geister im christlichen Raum ersetzen das Wort Glauben durch Vertrauen, weil sie selbst merken, dass da was nicht stimmen kann.

Aber ich wurde nach dem Glauben gefragt. Als Kind habe ich geglaubt. Ach ja - alles, konnte man mir auftischen. Wie sehr habe ich versucht, fromm zu sein. Allein, es gelang mir nie. Aber geglaubt habe ich: dass es Gott gibt, dass Jesus für meine Sünden gestorben ist und dass ihm nicht gefällt, wie ich mich abmühe und immer wieder scheitere. Wie lange hat dieser Teufelskreis gedauert und wie sehr hat er meine Kindheit fast erstickt.

 

Interessant wurde mein Leben erst, als ich den Mut hatte, Zweifel zuzulassen. Aber natürlich: sobald man anfängt zu zweifeln, steht bald alles in Frage. Das hört nie auf. Immer tiefer gräbt man, bis man zum Kern der Lüge vordringt. Das ist der Grund, warum die verfassten Religionen den Zweifel verdammen. Man hört auf, ein geistiger Sklave zu sein. Aber diese Jahre meines Lebens, diese Jahre des Zweifels waren gesegnete Jahre. Zweifel als Quelle der religiösen Suche zu würdigen, ist im Christentum leider nicht vorgesehen.

 

Aus den schlaflosen Nächten, aus dem langsam heilenden Herzen, aus den zerlesenen Büchern, aus dem ergriffenen Staunen, aus dem runder werdenden Selbstgefühl, aus dem Entdecken der Weiblichkeit in der Spiritualität erwuchs langsam das Üben in Vertrauen. Das ist es jetzt, wo ich mit meinen fast 60 Jahren angekommen bin.
Weder durch Glauben noch durch Zweifel habe ich die absolute Wahrheit gefunden. Doch immer tiefer kann ich ausatmen und mich nach all den Lebenserfahrungen und der Suche nach dem Echten ins Vertrauen stellen. Worauf? Auf die Existenz, die alles, auch den Tod umfasst und in der auch ich aufgehoben bin.

 

Wer glaubt, zweifelt. Auch wenn er es verdrängt. Glauben und Zweifel gehören zusammen wie Tag und Nacht, wie Licht und Dunkelheit, wie Pech und Schwefel. Glauben und Zweifel sind nicht zu trennen. Wenn Zweifel nicht zugelassen wird, entsteht der geistige Kerker enger Religionen, egal ob sie christlich heißen oder anders .

Über den Weg des Zweifels erwächst doch die eigentliche, die authentische Religion.
Die, die man nur in sich selbst findet.

Ob ich noch an Gott glaube? Nööö. Gott Sei Dank, glaube ich nicht mehr an Gott.
Und mit dem Glauben verschwindet nach und nach auch der Zweifel.

Stille kann nun einkehren in mein Leben. Stille und Vertrauen.

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Gerog Hummler

Schade, liebe Lea,
das du dermaßen verkürzt daher kommst.Vielleicht ist in einem solchen online-Format kein Raum für gründliches Nachdenken. Du schildesrt sehr holzschnitthaft dein subjektives Erleben. Und weil ich Dich in deiner gesitigen Neugier und deiner inneren Weite kenne, wundert mich die Aussage von Dir: "Zweifel als Quelle der religiösen Suche zu würdigen, ist im Christentum leider nicht vorgesehen." Dann hast du dich wirklich nur um dich und das tragische religiöse Milieu gedreht, diesen beschränkten Werkgerechtigkeitspietismus, in den du hineingeboren wurdest und in dem du aufgewachsen bist. So wie du pietistisch vergiftet wurdest, wurde meine kindliche und jugendliche Seele katholischerseits geschändet. Doch ich habe mir die Mühe gemacht, auf den Grund der Quellen vorzudringen und bin nicht nur fündig geworden - einen unerschöpflichen Reichtum an religiöser Erfahrung durfte in der mystischen Tradition entdecken, die interessanterweise alle Relligionen in ihrer Suchbewegung zutiefst verbindet: Die Mystik (ob buddhistisch bei einem Thich Nhat Hanh, islamisch bei einem Ibn Sinah oder eiem Ibn Rushd, protestantisch bei einem Paul Gerhard oder Dietrich Bonhoeffer oder Katholisch bei einem Johannes vom Kreuz ("Die dunkle Nacht Gottes") oder bei den Meistern des Hochmittelters Seuse, Tauler, Eckart, bei Teresa von Avila oder den KZ-Martyrern Edith Stein, Alfred Delp oder den katholischen Atheistinnen Madelene Delbrel oder SImone Weill - und du es philosophisch willst, bei Soeren Kierkegaard - da findest du den Zweifel als Grundlage für die Erfahrung von religiösem Glauben an allen Ekcen und Enden. Nach den hunderten von Sterbegleitungen, die ich als Klinischer Seelsorger erleben durfte, ist in mir mehr gewachsen als "Glaube". Da ist in mir eine Gewissheit erstanden auf das hin, was uns alle erwartet. Schau Dir dazu den Hollywood-Film "merican beauty" an und du wirst verstehen.
Es sind nicht die Tugenden wie Wahrheit und Gerechtigkeit, die dem Menshen Erllösung schenken. Dostojewskij sagt in seinem Roman "Der Idiot": Gott erlöst die Welt in seiner Schönheit. Er fragt dich nicht. Er braucht weder dein Gebet, deine Zerknirschung, dein Sündenbewustsein oder deinen Lobpreis. "Er" IST. Du wirst sehen!

Lea

Hallo Georg, ich habe gehofft, dass du was dazu schreiben wirst. Kritisch aber habhaft. Vielen Dank Ja tatsächlich ist das Format eines Blogs begrenzt und natürlich ließe sich mehr sagen. Und Dostojewsky steht tatsächlich auf meiner Leseliste demnächst mal wieder. Na dann - bin ich mal gespannt: was ich dann sehen werde.

Helena Jaggi

Eine interessante Frage, die wie immer eigentlich eine Definition das Objekt der Frage bedarf. Ich bin seit einiger Zeit mit dem Studium der Veden unterwegs und dort ist es recht klar: Es gibt Ishvara, die Gesamtheit aller Gesetzmässigkeiten (Naturgesetzen), Brahma, das höchste Prinzip und wir Menschen sind ein Teil davon (unser wahres Selbst).
Diese Sichtweise vertrete ich gerade, nachdem ich aber immer schon nahe dran war und Naturgesetze auch in meiner atheistischen Zeit anerkannt habe. Die Intelligenz in der Natur konnte einfach kein Zufall sein! Es gab für mich schon immer ein höheres Prinzip, van dem wir Menschen auch teilhaben.
Die Frage aller Fragen "Wer bin ich" soll uns ja durch Negation all dessen, was wir nicht sind, aber zu sein glauben, zu unserem wahren Selbst bringen. Daran glaube ich nun ganz fest und frage stetig. Denn ich bin gespannt auf "meinen" wahren Kern, jenseits aller Illusionen, der sogenannten Wirklichkeit. Dann erleben wir uns anscheinend als nicht getrennt von allem was existiert - eine für Menschen im täglichen Wachzustand schwer vorzustellende Wahrheit!
Frohes Weiterforschen allerseits -
Helena

Lea

Hallo liebe Helena,
danke für deinen Kommentar. Ja Forschen an sich selbst, wäre eine prima Alternative als der Zweifel an dem, was man glauben sollte.
Ich bekomme nach diesem Artikel einige Rückmeldungen dirakt auf die mail aber nicht auf die Kommentarfunktion.
Offensichtlich liest man "ich glaube nicht an Gott" als sei ich Atheistin. Das ist natürlich weit gefehlt. Ich meinerseits hatte nie eine atheistische Phase.
Ja - frohes Weiterforschen, das ist eine gute Devise

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