Füllest wieder Busch und Tal ...

March 30, 2018

... still mit Nebelglanz.
Lösest endlich auch einmal, meine Seele ganz ...

So schreibt Goethe an den Mond und dieses Gedicht pulsiert seit Monaten in meinem Gemüt wie ein ständiger, stiller  Begleiter  -  insbesondere auf meinen nächtlichen Wanderungen durch den Schönbuch.

 

Fast täglich, wenn es dunkel wird, zieht es mich hinaus in den Wald. Welch eine Geborgenheit spenden Dunkelheit und Stille. Und wie still ist es im nächtlichen Forst! Die schwarzen Riesen um mich herum mit ihren winterlichen Dornenkronen sind meine Beschützer. Kalte Luft, Sterne, Mond, das weiche Laub unter meinen Füßen – alles zusammen umgibt mich wie ein riesiger Kokon der Mutter Erde. Sie schützt und schenkt gleichzeitig den freien, großen Atem.

 

Hier habe ich Gerhards Nähe so unmittelbar und liebend gespürt, hier hab ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Gefühl für die Süße des Todes bekommen. Keine Todessehnsucht. Ich lebe gern. Vielmehr fühlt es sich an, als hätte ich mein Ja wieder gefunden zu diesem Lebensziel, dem Tod. Kein furchterregender Sensenmann erwartet uns, kein stirnrunzelnder Gott sondern die Große Mutter, die uns in die Arme schließt nach dem Abenteuer "Mensch-Sein". Sie singt ein Wiegenlied und heißt uns willkommen zuhause.

 

Und wer könnte meine Gefühle schöner ausdrücken als Goethe:
...jeden Nachklang fühlt mein Herz, froh und trüber Zeit.
Wand're zwischen Freud und Schmerz in der Einsamkeit ...

 

In den letzten Jahren haben Gerhard und ich uns mit Goethe beschäftigt. Immer hatten wir einige
Monate oder Jahre ein Thema am Wickel, das wir gemeinsam versucht haben, zu durchdringen.
Nun eben Goethe. Wir lernten Gedichte auswendig und sagten sie uns gegenseitig vor bei unseren täglichen Spaziergängen. Jetzt sage ich sie mir selbst vor.

 

Was die Menschen nicht gewusst, oder nicht bedacht,
durch das Labyrinth der Brust, wandelt in der Nacht.

Die Nacht ist die Zeit der Trauer. Die wunderbare Nacht. Da bekommt Traurigkeit eine Schönheit,
die ich so nie gefühlt habe. Das möchte ich auskosten. Die Tränen sieht ja keiner hier im Dunkeln.

 

Nun hat der Revierförster über meine Friseurin ausrichten lassen, (so ist das auf dem Dorf) dass ich das jetzt mal lassen soll mit den Nachtwanderungen, weil die Wildschweine Junge hätten im Frühjahr nicht mit sich spaßen ließen.

Also habe ich gestern bei Fast-Vollmond meine vorläufig letzte Nachtwanderung - diesmal nicht auf dem Schönbuch, sondern im kleinen städtischen Wäldchen hinter Herrenberg - angetreten.

 

Heute, Karfreitag, aufgewacht zu Posaunen-Klängen, die vom Turm der Stiftskirche in alle vier Himmelsrichtungen gespielt werden. Silbrig glänzender Sonnenschein. Kühle Luft zieht vom offenen Fenster um meine Nase. Das Leben könnte echt schön sein!

 

Wanderschuhe an und nichts wie hinauf auf den Schönbuch. Wie unglaublich hell die Sonne durch die noch kahlen Bäume strahlt, Duft von frisch geschlagenem Holz, der Specht hämmert und hört auf, sobald ich ihn suche mit meinem Blick. Als ich weiterlaufe, hämmert er weiter. Ich drehe mich um, er stoppt. So geht das noch eine Weile hin und her. Diesen Machtkampf verliere ich. Jetzt komme ich an dem Stein vorbei, den ich einmal für Gerhard an einen Baum gelegt habe. Weiß glitzert er in der Sonne.

 

Ich nehme den langen Weg und an dessen Seiten sehe ich die Pflugschneisen und -felder, die die Wildschweine hinterlassen haben. Rottenweise müssen die da geackert haben!

Auf dem Weg –  auf meinem üblichen  Nachtwanderweg –  dann eine große frische Blutlache.  Da wurde eines der Wildschweine geschossen letzte Nacht. Gut, dass ich meine vorläufig letzte Nachtwanderung nur im Herrenberger Stadtwäldchen gelaufen bin und nicht hier oben.

 

Es ist Zeit, mich der Sonne zu zuwenden. Die Erfahrungen der Nacht mitnehmen und jederzeit dahin zurück kehren können - ist das gemeint mit "Leben"?

Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken.
Läg nicht in uns des Gottes eigene Kraft, wie könnt uns Göttliches entzücken.

...auch von Goethe natürlich.

 

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Hans Rompel

Hallo liebe Lea,
eine wunderbare Ode an die Freude und das LEBEN
Vielen Dank, wir sind tief berührt.
Wir grüßen dich
Bärbel und Hans

Georg Hummler

https://www.youtube.com/watch?v=OePqt2xXJYk&t=74s

angelika Pannen-Burchartz

Ich habe heute an den Osterspaziergang gedacht. Wir haben Veilchen gesehen...und Schlüsselblumen. Wie tröstlich.
Herzliche Grüße Angelika

Bettina Dornics

Liebe Lea,
Danke für den zauberhaften Einblick. Ich kann den Wald riechen und sehen.
Frohe Ostern
Bettina

Jacqueline Hefti

Liebe Lea, schön diese Worte über den Wald in der Nacht. Da bewundere ich dich. Ich wäre viel zu ängstlich im Dunkeln durch einen Wald zu wandern. Das wäre für mich eine richtige Mutprobe. Vielleicht sollte ich mich dieser Angst mal Stellen? Alles Liebe Jacqueline

Ruth Schützler

Liebe Lea, nun ist Ostern vorbei und ich bin auch durch den Wald gelaufen und habe an Deinen Text gedacht. Nachts habe ich nicht so viel Mut wie Du aber am Ostermorgen kommt eine andere Dimension dazu die ich gespürt habe und die in den April begleitet und in die nachösterliche Zeit.. der Geist weht wo und wie er will... die Natur zeigt so viel Grünkraft... wir dürfen sie pflücken.... mit sonnenhaften Augen .. mal auf(er)stehend, mal ausruhend. Ruth

elisabeth strack

liebe lea danke für´s teilen! du schreibst so, dass ich richtig mit dir mitlaufen und mitfühlen kann! und die formulierung "Kein furchterregender Sensenmann erwartet uns, kein stirnrunzelnder Gott sondern die Große Mutter, die uns in die Arme schließt nach dem Abenteuer "Mensch-Sein". Sie singt ein Wiegenlied und heißt uns willkommen zuhause." find ich besonders schön... sterben stell ich mir vor wie geboren werden: ein baby hat keine ahnung wohin es jetzt geht und wenn es nachdenke könnte hätte es sicher angst was da los ist...... ohne angst wird es einfach in die neue welt gebracht und landet vermutlich in den armen der mutter. herzliche grüße elisabeth

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