Kontemplation in Zeiten des Denkverbots

August 27, 2022

In Zeiten wie diesen, wo Dichter und Denker Seifenblasen spielen, wo die Ethik mit der Moral totgeschlagen wird ...

... wo nur Schwarz oder Weiß zählt und das Vielschichtige ins verschwommene Reich der Esoterik gestoßen wird, tut es zuweilen gut, mit einem Goethegedicht auf den Lippen spazieren zu gehen.


Vom Gedicht «Selige Sehnsucht» ist vor allem der letzte Vers bekannt, der Rest sei schwierig zu interpretieren, liest man immer wieder.


Doch so schwierig ist es nicht. Wenn man es vor sich hinsagt und wenn man mit dem Herzen hineinhört, schließt es sich nach und nach auf und gibt in einzelnen Tropfen seine Weisheit preis.

Hier erst einmal das rätselhafte Gedicht:

Selige Sehnsucht

Sagt es niemand, nur den Weisen,

Weil die Menge gleich verhöhnet,

Das Lebend’ge will ich preisen,

Das nach Flammentod sich sehnet.

 

In der Liebesnächte Kühlung,

Die dich zeugte, wo du zeugtest,

Überfällt dich fremde Fühlung,

Wenn die stille Kerze leuchtet.

 

Nicht mehr bleibest du umfangen

In der Finsternis Beschattung,

Und dich reißet neu Verlangen

Auf zu höherer Begattung.

 

Keine Ferne macht dich schwierig,

Kommst geflogen und gebannt,

Und zuletzt, des Lichts begierig,

Bist du Schmetterling verbrannt.

 

Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde.

 

Das Gedicht beginnt damit, dass Weisheit nur von jenen zu verstehen ist, die darauf lauschen. Von der Menge wird alles verhöhnt, dessen Substanz nur unter der Oberfläche gefunden werden kann.


In diesem Sinn ist das Gedicht zeitgemäß, denn es gibt kaum eine Epoche in der mir bekannten Geschichte, (die 12 Jahre tausenjähriges Reich ausgenommen) in der das eigenständige Denken so sehr verpönt, ja geradezu verboten ist. Es sind die jetzigen Zeiten, in denen die angeblich unumstößlichen "Wahrheiten" so dümmlich daherkommen wie Mikey Maus und in denen die Medien so pluralistisch sind wie die in Nordkorea. 

Das Nachdenken verlangt einen Schutzraum, damit es nicht von der Öffentlichkeit ins Lächerliche gezogen werden kann.

Das Lebend’ge will ich preisen, das nach Flammentod sich sehnet, ist ein merkwürdiger Gedanke, er ist die Vorausschau, die Überschrift, deren Erklärung in den nächsten Zeilen folgt.

Die beschreiben die dumpfe Welt der Motten, deren Daseinszweck es ist, im Dunkeln eine Generation an die andere zu reihen. Doch ab und zu erwacht in einer von Tausenden eine Sehnsucht danach, über sich hinaus zu wachsen und diese Sehnsucht ist ein Sog, dem sich diese Einzelne nicht entziehen kann. Sie fliegt, vom hellen Licht der Kerze angezogen - und verbrennt.

Liegt nicht in uns allen die Sehnsucht, über uns hinauszuwachsen, ohne die ständige Vorsicht um Leib um Leben? Aufzubrechen und unsere Bestimmung zu leben, ohne darauf zu achten, ob man dafür in der Luft zerrissen wird? Ohne Angst, dass man (medial) vernichtet wird, wenn man dies und jenes sagt, das nicht innerhalb des heute sehr engen Korridors des Erlaubten liegt?

Wir spüren diese Sehnsucht nicht mehr, weil wir zu sehr am Vorgegebenen hängen, an dem, was man uns als "richtig", als "solidarisch", als "gut" verkauft, wir hängen an unserem Leben, an unserem Ruf, an unserem trauten Kreis, an unserer materiellen Existenz.

Die heutige atheistische Wissenschaft, die ja nichts anderes ist, als ein magisch wirkendes Glaubenssystem, hält uns gefangen in der Materie. Über sich hinauswachsen braucht aber ein Bild von sich selbst, das über das Materielle hinaus geht ins Transzendente.

Goethes Gedicht endet mit einem seiner wohl bekanntesten Verse, dem Gedanken des Stirb und Werde, dem wir unterliegen, das wir aber selten "haben". Wir bleiben lieber trübe Gäste in der dunklen Welt der Motten.


Lebendig sind wir doch nur, wenn wir der Sehnsucht unserer Herzen folgen ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Angst vor Einkommensverlust oder materieller Sicherheit.


Ist es nicht auch die Sehnsucht nach der Transzendenz, die uns lebendig macht, das Streben nach dem Höheren? Nach der Freiheit, die zu werden, die wir sind: Strahlen der göttlichen Sonne.

Van Gogh, Nietzsche, Mozart, Hölderlin, Kleist und viele andere sind ihrem Genie gefolgt, ohne Rücksicht darauf, daran zugrunde zu gehen. Sie sind daran zugrunde gegangen und haben uns die größten Kulturschätze hinterlassen, von denen die ganze Welt bis heute zehrt.

Und hat Nietzsche mit seinem Übermenschen nicht genau das gemeint?

 

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