Du sollst nicht töten

September 07, 2017

Von all den Spinnen, die sich jetzt im Spätsommer in meinem Gartenhäuschen in Zürich gemütlich eingerichtet haben, kenne ich nur eine mit Namen. Das ist Frau Hoffmann, die wohnt an meinem winzigen Küchenfenster und sie geht mir ein wenig zur Hand im Kampf gegen die Mücken, Schnaken und Obstfliegen.


Meist schaue ich verschämt weg bei ihrem grausigen Tun, aus Ekel und auch ein wenig aus Mitleid mit der zappelnden Fliege, die da gerade eingewickelt wird.

Dann frage ich mich aber, ob der Tod für die Fliege weniger brutal ist, wenn sie bei lebendigem Leib in den Staubsauger gesaugt wird und sich dort im Beutel elend langsam an der Staublunge zu Tode hustet.

Bei diesen Gedankengängen kommt mir das sechste Gebot in den Sinn. Du sollst nicht töten.

 

Die zehn Gebote habe ich noch nie verstanden. Kein einziges. Aber das seltsamste aller Gebote ist doch dieses "Du sollst nicht töten".

Mal angenommen, und biblisch gesehen müssen wir das annehmen, dass Gott die Welt erschaffen hat und dass es ebendieser Gott gewesen ist, der aus seinem göttlichen Computer dem Moses die zehn Gebote in die Bundeslade gedruckt hat. Seither sind sie gemeinsames Grundgesetz aller drei mosaischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam.

Man stelle sich vor, da  geht einer her und erschafft die Welt, deren innerste Dynamik aus Fressen-und-Gefressen-Werden besteht. Dann gibt er fast gleichzeitig ein Gebot raus, des Inhalts, dass man nicht töten soll. Geht's noch? Wir alle müssen doch töten, jedes einzelne Lebewesen muss töten, um leben zu können. Schon vergessen? Wir müssen essen!

 

Aber natürlich, sagt salbungsvoll der Theologe. Das ist doch so gemeint, dass man keine anderen Menschen töten soll. Tiere und Pflanzen - die darf man töten. Kein Problem. Tiere und Pflanzen, das geht klar.

Wie das so ist, bei Gesetzen, die nicht gelebt werden können: sie brauchen Exegese, brauchen Einschränkung, brauchen Erläuterung und Präzendenzfälle, sie brauchen so viele Ausnahmen, dass man - tricky - das Gesetz praktisch ausgehebelt hat und den lieben Gott doch glauben machen kann, es eingehalten zu haben.

 

Aber, okay. Nur Menschen darf man also nicht töten. So so…. Aha. So einfach macht es sich der Theologe. Und bei mir sprudeln die Fragen, die man eigentlich nicht stellen darf.

Nun, da ich mir vorgenommen habe, nie wesentlich mehr als eine DIN-a4-Seite auf einmal in meinen Blog zu schreiben, werde ich irgendwann in einem zweiten Beitrag diese Fragen dann doch stellen müssen.

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elisabeth

liebe lea das hast du knallhart auf den punkt gebracht!!! und.... mir geht s änlich mit den aufgesaugten mücken fliegen spinnen .... ich esse bewusst und danke den lebewesen die durch ihren tod mein leben erhalten.

Pierre-Christian Singer

Liebe Lea
auch wenn es ein älterer Post ist, so möchte ich doch die Möglichkeit nutzen, meinen "Senf" dazu zu geben.

Eigentlich wurde dieses Gebot wie auch ein anderes von den christlichen Übersetzern falsch übersetzt. Das eine ist z.B., "Du sollst den Sonntag heiligen." Im Original steht "Du sollst den Sabbat heiligen" und der Sabbat ist eben nicht der Sonntag sondern der Samstag. Doch kommen wir zum anderen Gebot: Es heisst eben NICHT: Du sollst nicht töten. Es heisst: Du sollst nicht Morden.

Ich bin kein Jude, aber das Judentum ist eine grundsätzlich sehr logisch aufgebaute Religion. Beispielsweise sind quasi alle Vorschriften ausser Kraft gesetzt, wenn es um das Retten von Leben geht. Das Leben hat das oberste Gewicht (Schade, dass dies in anderen grösseren Religionen nicht auch so ist...) aber eben, warum es denn nun "nicht morden" und nicht "nicht töten" heisst, und was der Unterschied ist.

Ein Mord ist ein Töten aus niederen Beweggründen. Würden Sie einen Polizisten, der um sich oder ein Kind zu schützen einen Mörder erschiesst in Notwehr, als Mörder bezeichnen, der aus niederen Beweggründen handelt? Genau hier liegt der Unterschied. Das Töten ist nicht a priori ausgeschlossen. Dennoch muss ich sagen, dass das Töten - wenn auch nicht verboten - für mich grundsätzlich eine Grauzone ist. Es ist eben NICHT so einfach, zu sagen, Gott erschaffe die Welt und erlaube das Töten. Man liest in der Bibel, dass es am Anfang nur Pflanzennahrung gab. Pflanzen sind - da haben Sie Recht - natürlich auch Lebewesen, aber unterscheiden sich doch SEHR stark von anderen Lebewesen wie Tieren und Pflanzen, gerade im Bezug auf Gefühle oder Schmerz- bzw. Leidensempfinden. Gemäss der Bibel kam der Tot erst durch den Menschen in die Welt. Um zum Schluss zu kommen: Für mich persönlich ist das Fleisch-Essen wie auch das Töten von Tieren, die einem das Leben schwer machen wollen, eine Grauzone. Ich bin nicht der Meinung, dass es "gut" ist, zu töten. Ich mache es überhaupt nicht gerne. Ich kann daher auch keine "intelligente" Antwort darauf geben. Doch ich denke der Ansatz der Beweggründe ist sicher schon einmal hilfreich: WARUM will man ein Tier töten? Aus Spass? Aus Hunger? Was ist die Motivation. Ich denke, dass muss jeder mit seinem Gewissen ausmachen. Liebe Grüsse PC

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