Ob ich noch lebe

November 25, 2019

Kalt war es heute Nacht. Aus der Bahnhofshalle haben sie mich rausgejagt, da hab ich zum Glück den Luftschacht des Kaufhofs bekommen. Alex wollte mich verjagen, dachte, es sei sein Platz. Aber ich hab dagegen gehalten. Hatte nicht so viel getrunken gestern Abend,

da war ich halt stärker. Es gab einfach keinen Schnaps mehr und kein Bier auf Hawaii.

Wie lange bin ich nur schon auf der Strasse, ein richtiger alter Hase bin ich. Auf der Walz sagte man früher. Noch immer nicht erfroren. Aber wer weiss, wie lange ich’s noch mache. Wenn ich nur was zum Rauchen hätte.

Seit der Sache mit Monika damals und dass sie unser Kind mitgenommen hat, meine kleine Nicole.
Wie lange ist das schon her. Sie wird nicht wissen wollen, ob ich noch lebe, die Kleine. Würde sich schämen mit mir. Jeden Morgen, wenn ich aufwache, denke ich an sie. Seit 25 Jahren.

Was macht diese Göre da? Was starrt die mich an die Kleine? Da wird wohl gleich die Mutter kommen und es wegziehen, das Kind. Wegziehen von mir, dem Abschaum.

Da - ich sehe schon die Stöckelschuhe kommen. Entschlossener Schritt. Eine wohlhabende Mama hat diese Göre. Solche Schuhe. An den Schuhen kann man die Leute einteilen, ich sehe sie jeden Tag vorbeihasten, die Schuhe. Ausgelatschte und hochglanzpolierte, solche mit Schmutzrändern und solche mich hohen Hacken. Die hier gehört zu den besseren. Und dann diese Waden. Wohlgeformt. Jetzt hat sie ihr Kind an die Hand genommen, gleich wird sie es wegzerren.

Sie bleibt stehen. Was glotzt die mich an. Schicker Mantel, das muss man sagen. Noch höher komm ich nicht mit dem Kopf von da unten …

«Mama, ist er das? Ist das mein Opa?» sagt die Göre
«Papa?» sagt ihre Mutter

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