Da, wo man singt, da lass dich ruhig nieder ...

July 07, 2020

... nur böse Menschen haben keine Lieder (Volksmund)


„Nicht schön, aber laut“, grinsend kommentierte mein Vater den Gesang
meiner Mutter, der aus Küche tönte.

Die Mutter nahm es locker, sie wusste um ihre mittelmässige
Musikalität, tat aber ihr Bestes, um in uns die Freude am Singen
zu wecken und zu erhalten.

Wir bekamen eine Tafel Schokolade, gefüllt mit Zitronenfondant,
wenn wir alle Strophen eines Chorals, etwa von Paul Gerhard, auswendig
gelernt hatten.

Wie viel wurde gesungen bei uns zuhause!

Auf der Pflanzmaschine, im Auto (gegen die Reiseübelkeit), nach dem
Abendessen, in der Kirche, beim Putzen, ein Weihnachten ohne viel familiären
Gesang war undenkbar.

Noch heute singe ich mit großer Freude auswendig bei meinen selten
gewordenen Gottesdienstbesuchen.

Es ist das Singen, das die Verbindung schafft zu den Mitmenschen,
zu meiner angestammten Religion, zu meiner eigenen Seelenfreude und
letztlich auch zu meiner spirituellen Ader.

Wie oft habe ich in sorgenvollen Lebensphasen auf meinen Spaziergängen
und Wanderungen vor mich hingesungen:
„Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt … „

Noch immer liegt mir Paul Gerhard im Sinn.

Der Abendkanon, der Choral, das Volkslied, später die politischen Lieder
von Zupfgeigenhansel, Konstantin Wecker, Joan Baez:

Wie tief hat mich das Singen geprägt.

Und haben nicht alle Religionen zu allen Zeiten Lieder gehabt?


Beim Singen in der Gruppe gleichen sich die Herzfrequenzen an und
stabilisieren sich gegenseitig, das haben schwedische Forscher herausgefunden.

Das Gehirn produziert erhöhte Anteile von Stimmung aufhellenden Hormonen.
Stresshormone werden gleichzeitig abgebaut.

Singen macht glücklich.


Die Tochter meiner Freundin ist gerade fertig geworden mit ihrer
Ausbildung als Erzieherin und arbeitet in einer Kinderkrippe
mit den ganz Kleinen.

 

Die Kinder dürfen nicht mehr singen!

 

Die Erzieherinnen lesen den Kindern die Lieder vor!

Das ist wegen dem Wahnsinn um das große C und einer imaginären Ansteckung.

Stress wird produziert.

Kinder, die schon laufen können, müssen, wenn sie morgens in der Krippe ankommen,
alleine über die Türschwelle gehen.

Sie werden von der Erzieherin nicht auf den Arm genommen beim Empfang.

Die, die noch nicht laufen können, werden in einen Korb gesetzt und dieser
Korb wird mit dem Fuß über die Schwelle geschoben.

Von maskierten Eltern an maskierte Erzieherinnen geschubst.

Auch jetzt noch, im Juli.

Und wo schon lange klar ist, dass Kinder nicht in Gefahr sind und auch
keine Gefahr darstellen.


Soll das so bleiben?


Wer ist hier krank?


Mir fehlen die Worte.

Johann Gottfried Seume fällt mir statt dessen ein.

Vielleicht hatte er weise vorausgeblickt auf eine Zeit, in der, wie in einem Horrorfilm,
die Gesundheit nicht mehr durch Singen, Gemeinschaft und Freude
erhalten werden darf, sondern von einer Spritze kommen muss,

denn er sagt:

„Weh dem Lande, wo man nicht mehr singet“.

 

07.07.2020

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