Dann kann alles wieder gut werden

August 24, 2020


Über Wunder und Träume würde ich gerne schreiben, über das Ur-Menschliche, über Quellen, Berge, Gräser, Feen, Bäume und alles, was das Tiefste im Menschen anrührt.


Über Liebe und Berührung, über sprudelnde Wasserfälle, über Mut und über das Glück, wenn am Morgen frischer Duft von Heu durch das offene Fenster weht. Darüber sollte man schreiben!


Auch über neblige Wälder und weite Ausblicke, über glückliche Kühe auf der Alp, über Wildblumen und Hexen, über freche Mädchen, über Helden, über harte Arbeit und über die Heiligkeit des Lebensabends.

Vom Geschichtenerzählen möchte ich schreiben und vom Zuhören auf der Ofenbank vor den Zeiten des Fernsehens.

Vom Abschiednehmen und vom willkommen heißen, vom Sterben und vom Gebären, ich will schreiben vom kleinsten Atom, das im Innsersten des Menschen pulsiert und sich immer und immer wieder andocken will.

Ich will davon schreiben, wie Menschen sich trösten, wie einer im Arm des anderen Rotz und Wasser heult, ohne die Angst, ansteckend zu sein. Wann wird diese giftige Angst vor Ansteckung wieder aus unseren Zellen verschwunden sein?

Von der Sommerhitze und der Winterkälte würde ich gerne schreiben.

Von der heilsamen Grippe, die man hustend und fiebrig im Bett verbringt, um neue Kräfte zu sammeln.

Vom Reisen in die eigene Wahrheit möchte ich schreiben, vom frischen Wasser, das eiskalt von den Bergen stürzt und von den magischen Felsen, in Jahrtausenden geformt, von den Zwergen, die in den Felsritzen wohnen und zwischen den Farnen hervorlugen.


Ich würde gerne schreiben von der Schönheit der Natur und der Wahrheit der Mutter Erde, ja, vor allem will ich schreiben von den Zeiten, in denen die Erde noch unsere Mutter war und wir Menschen sie liebten, ja von der Liebe zu Mutter Erde will ich schreiben.


Schreien und klagen will ich, dass vor langer Zeit jemand auf die fürchterliche Idee kam, sich die Erde untertan zu machen. Seither ist nichts mehr wie es sein soll und es wird schlimmer und schlimmer.

Ich will schreien, klagen, schreien!

Erde, Menschen, Tiere, Pflanzen, alles Natürliche wird untertan gemacht:

das Miteinander-Schwingen, der tiefe Sinn von Krankheit, der Körperkontakt, der Atem des anderen, unser Geist und unser Denken, unsere Einzigartigkeit und unsere Lieder, das spontane Lachen an der Supermarktkasse, das ekstatische Pulsieren der Menge in einem Rockkonzert, das Sitzen in Stille beim sterbenden Angehörigen, das Plaudern auf dem Markt, die spontane Umarmung bei einem unverhofften Treffen und vor allem das ausgelassene, atemberaubende Spiel der Kinder.

Alles Menschliche soll verschwinden unter einer sinnlosen Maske, wird unterbunden, begrenzt, gelähmt durch den Irrsinn und die Angst, dass jeder jedem das potenzielle Todesurteil bringen könnte.

Nein, schreie ich! Nein!

Wir müssen aufhören, die Erde untertan zu machen! Wir müssen aufhören, sie schützen zu wollen. Sie braucht unseren perversen Schutz nicht Wir müssen wieder lernen, sie zu lieben.

Dann lassen auch wir uns nicht mehr untertan machen. Dann lassen auch wir uns nicht mehr "schützen" und unseres Lebens berauben lange vor unserem Tod.

Wir wären geborgen im Stirb und Werde der Mutter Erde.


Das reicht schon.


Dann kann alles wieder gut werden.

 

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