Dhyan

January 07, 2021


In der Nähe des Todes gibt es keinen Smalltalk. Das Gespräch mit meiner früheren Kollegin und Freundin war dicht, klar und ohne jeden Rückhalt.

Dyhan hat die Kunst des Sterbens wahrlich zelebriert. Dazu braucht es Mut aber vor allem ein Bild vom Menschen, das über die physische Präsenz hinausweist.

 

Wie eine Prinzessin hatte sie ausgesehen mit ihrem weißen, blumenbestickten Kleid, den dazu passenden Strümpfen und um die Stirn einen Kranz mit prächtigen Gartenrosen.

So lag sie im Sarg und ihre Freundinnen, die sie soeben angekleidet hatten, fühlten noch ihre Gegenwart. Wie auf ein Fest hatte sie sich vorbereitet.

Prinzessinnenhaft, so war Dhyan auch im Leben. Ihr glockenhelles Lachen habe ich noch im Ohr, ihre Empfindlichkeit, fast könnte man sagen, Zickigkeit, wenn ihr etwas nicht passte. Ich sehe sie vor mir mit ihrem Charme, mit ihrem fein-luftigen Wesen, ihrem hübschen Gesicht und ihren aparten Lieblingsfarben.

Prinzessinnenhaft war sie auch in ihrer Reizbarkeit und dem scharfen Ton, wenn es galt, etwas in ihrem Sinn richtig zu stellen. Doch tief im Inneren hatte Dhyan – wenngleich enorme Fähigkeiten – nur wenig Zutrauen zu sich selbst.

Ich hatte ihr die Co-Leitung meines damaligen Tantramassage-Instituts angetragen und sie hatte zugesagt.

Wie war ich ausgebrannt gewesen damals. Als eine der Ersten auf einem neuen Berufsfeld war ich nach nicht einmal zwei Jahren an den Rand meiner Kräfte geraten.

Mit Dhyan kamen die Aufbaujahre – wirtschaftlich, aber vor allem inhaltlich. Als Pionierinnen hatten wir unser Selbstbild zu gestalten, nichts war vorgegeben.

Wer sind wir als Frauen in diesem neuen Arbeitsgebiet der Tantramassage?

Was ist unsere Vision?

Wie kann Tantramassage in der Öffentlichkeit kommuniziert werden?

Wie können wir unsere Massagequalität vertiefen?

Wofür wollen wir leben?

Was ist unsere Spiritualität? Was unsere weibliche Sexualität?


Mehr als fünfzehn Frauen haben miteinander nachgedacht, gestritten, diskutiert, meditiert, sich gegenseitig massiert und vor allem viele rauschende Frauenfeste gefeiert.

Der zutiefst menschliche und klare Leitungsstil Dhyans, gab auch mir Freiraum, meine Impulse umzusetzen.

Ihre rokokohafte, verspielte Art stand in schöner Ergänzung zu meiner erdschweren lutherischen Natur. Betschwestern nannten uns die Masseurinnen dann auch, denn Dhyan kam aus der katholischen und ich aus der evangelischen Sozialarbeit.

Meine Freundinnenliebe zu ihr war bewundernd, schwerfällig, aber unauslöschlich.

Die Jahre mit Dhyan in der Firmen-Leitung waren die schönsten in meiner Tantramassagezeit. Die Jahre nach ihrem Rückzug aus der Geschäftsführung meine bittersten.


Weggehen will geübt sein. Damals war es Dhyan nicht gelungen, Schönheit zu hinterlassen.

So unvorbereitet kam es für mich, dass ich den Schock gar nicht richtig spüren konnte – sie wolle aus der Firmenleitung austreten, begründen könne sie es nicht, irgendwie habe sie keine Lust mehr auf so viel Verantwortung.

Ich stand da und wusste nichts zu sagen.

"Ärmel hochkrempeln und selber machen" war fortan mein Motto.

Eine subtile Feindseligkeit ging von Dhyan aus, als sie nicht mehr in der Leitung war, aber weiterhin als Masseurin im Betrieb blieb. Sie kritisierte sie mich allenthalben, brachte die Kolleginnen gegen mich auf und fiel mir immer wieder in den Rücken.

Als sie schließlich ging, war nichts als Erleichterung in mir.

Fortan arbeitete sie in einem Kölner Institut als Tantramasseurin, wo sie ebenfalls nach einiger Zeit aus dem Leitungsteam ausschied.

Vielleicht war es ein Teil ihres Wesens – weggehen, wenn es zu intensiv, zu anstrengend, zu verbindlich wird, sich immer einen Tick auf Distanz halten vom leibhaftigen Leben? Prinzessin eben.

Im Juli 2014, gerade zehn Jahre später, wurde mir zugetragen, dass sie sterbenskrank sei und sich über meinen Besuch freuen würde.

In der Nähe des Todes gibt es keinen Smalltalk. Unser Gespräch in der brütenden Julihitze war dicht, klar und ohne jeden Rückhalt.

Wie groß die Bedeutung der einen im Leben der anderen war und umgekehrt – das war das Wichtigste.

Auch dass sie ihren schnellen Rückzug aus unserer Firma zutiefst bereut hätte, liess sie mich wissen, und dass sie mich deshalb unbewusst bekämpft hatte damals.

Keine Tränen mehr, kein rührender Abschied. Alles war gut so.

Dhyan geht mal wieder - wie immer, dachte ich auf dem Heimweg. Ich war bewegt und doch ein wenig verdrossen.

Diesmal, allerdings, lief alles anders.

Als keine Therapie mehr half, hatte Dhyan umgeschwenkt und zu einem inneren Ja gefunden.

Mehr als das: sie hat ihren Weg in den Tod nicht einfach nur erlitten, sondern wahrhaft tantrisch zelebriert.

Zunächst wählte sie acht Freundinnen, die sie bat, sie in den Wochen und Monaten ihres Sterbens zu begleiten. Jede bekam eine spezielle Aufgabe.

Da gab es den Schreibkram zu erledigen, für sie zu kochen, ihre Wäsche zu waschen, ihre Wohnung zu pflegen, dann ein Hospiz zu suchen, Einkaufshilfe zu leisten, auch einfach Dasein zum Reden oder auch zum Schweigen und zum Weinen. Mit zwei Freundinnen hat sie eine Patientenverfügung gemacht, andere haben die Trauerkarte nach ihren Wünschen entworfen.

Ihr «Bodenpersonal» nannte sie diese Freundinnen, die dann auch die Aufgabe haben sollten, sie nach ihrem Tod zu versorgen und die Beerdigung entsprechend ihren Vorgaben zu gestalten. Auch ihre Wohnung haben sie entrümpelt und gemäß Dhyans Geschenkeliste ihre Sachen verschenkt.

Als Nächstes erstellte Dhyan eine Liste mit den Menschen, von denen sie sich verabschieden wollte. Vor allem von jenen, mit denen etwas nicht rund war, wo es noch zu versöhnen galt, wo es noch Aussprachen bedurfte.

Sie nahm sich Zeit für jeden Einzelnen und löste jede Beziehung in Frieden und Liebe.

Unendlich dankbar bin ich Dhyan noch heute, dass wir damals diesen letzten Tag zusammen verbringen konnten.

Wenig später kaufte sie sich ein schönes Kleid, das sie im Sarg tragen wollte. Auch den Kranz aus Rosen und die Strümpfe dazu hatte sie sich gewünscht.

Ihr früherer Geliebter war Schreiner, ihn bat sie, den Sarg zu bauen. Der war extra in die Schweiz gefahren, um das richtige Holz zu finden. Als er fertig war, trugen Freundinnen und Freunde ihn durch den Hintereingang des Hospizes in ihr Zimmer, der Freund hatte Käse und Brot aus der Schweiz mitgebracht, so saß der kleine Kreis im Hospizzimmer beim offenen Sarg und sie genossen das Vesper und das Zusammensein.

Um das Pflegepersonal nicht zu erschrecken, hievten sie den Sarg auf den Schrank, wo er blieb, bis Dhyan ihn brauchte.
Er war mit orangefarbenem Satin ausgekleidet. Orange und frühlingsgrün, zartes rosa, das waren Dhyans Farben.

Vom Hospiz aus schrieb sie mir begeisterte mails. Wie schön das Zimmer sei, das sie jetzt bewohne, wie still es sei und wie gut sie begleitet würde.

Heitere Fotos erhielt ich, ihr Gesichtsausdruck war schon recht durchlässig und spiegelte eine tiefe, entspannte Ernsthaftigkeit.

So wenig habe sie zustande gebracht in ihrem Leben, schrieb sie mir, aber jetzt an ihrem Ende habe sie ihre wahre Lebensaufgabe gefunden:

diesen letzten Weggang gut zu gestalten und ihrer Nachwelt etwas von der Angst vor dem Tod zu nehmen.

Das ist ihr gelungen. Allen, die daran teilhaben durften, hat sie ein Geschenk für’s Leben gemacht.

Einen letzten Besuch hatten wir noch vereinbart, am 19. November wollten wir uns endgültig verabschieden und eine Weile in Stille miteinander sitzen.

Kurz vorher ließ sie über ihr «Bodenpersonal» mitteilen, sie sei inzwischen zu schwach und etwas in mir wusste, dass sie am 19. November sterben wird.


So war es dann auch.


Ihre Traueranzeige hat sie selbst verfasst:

Da habe ich so lange gekämpft und Widerstand geleistet, an mir gezweifelt und mich angestrengt.
Und am Ende war alles gut.

Die Krankheit hat sich als mein Meister entpuppt, sie hat mich gelehrt, ja zu sagen, statt der Wirklichkeit meine Ideen aufzuzwängen.

Und dann wurde alles leicht: Ich war getragen und unterstützt wie nie in meinem Leben und die Dinge flossen ineinander auf eine perfekte Weise.

Ich gehe glücklich und in Frieden. Ich freue mich darauf, eine Weile auszuruhen.


Dhyan war ein schönes Wesen und sie hat nichts als Schönheit hinterlassen.

 

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Bild: Dhyan wenige Wochen vor Ihrem Tod

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