Eremitin in Ausbildung

January 08, 2022

Allein Sein

Die Einsamkeit findet man nicht, man stellt sie her.

Täglich, stündlich, immer.

Beim Wandern über Stock und Stein

muss ich Dialoge von mir abschütteln,

die meinem Hirn wie Blasen entsteigen,
schlecht riechend und ohne Substanz.

Sinnloses Geschwätz, narzisstische Weltenretterphantasien,
fiktive Streitgespräche.

Mit dem Ausatmen schicke ich weg, was ich nicht bin,

was mich besetzt wie kleine Dämonen.
Klebrig, nervig.

 

Wenn Stille einkehrt, begrüssen mich alte knorrige Bäume
mit Moos an den Wurzeln und die Büsche am Abhang schützen mich,
damit ich nicht vom Weg abkomme.

Ich staune über die Felsen, riesige Steinplatten geschichtet
in fein abgestuften Farben, sie strahlen den Stolz
von Jahrtausenden aus.

In ihren Zerklüftungen sitzen Farne, deren verdorrte Blätter
sich bereit machen, dem neuen Grün zu weichen, das schon
in den Startlöchern sitzt. 

Ich blicke auf zu den Bergspitzen, wie unerreichbare Schönheiten,
nehmen sie huldvoll meine Bewunderung entgegen
und der Fluss schmettert wie der Schlusschor einer Wagneroper
seine rauschenden Melodien ins Tal.

Ich atme den Winter und fühle das Frühjahr, die Schönheit, das Leben.

Allein. All-ein. Eins mit dem All.

 

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